Den Tod vor Augen …Notwendige Nachbesserung auf dem sprachlichen Gebiet



Glossen und Possen


'Mal ganz ehrlich'


Ein Platz für Erinnerungen

Sechs Jahre hat es gedauert, nun ist es so weit: Von 150 Familien  aus 102 Orten der ehemaligen DDR wurden über 400 Stunden privater Filmaufnahmen aus der Zeit zwischen 1949 und 1990 archiviert und im Netz für jedermann zugänglich gemacht. Der Titel der Datei, in der sich diese Filme befinden, erinnert sehr an die Jugendzeit der Älteren unter uns. Damals war es in vielen Familien üblich, bei besonderen Gelegenheiten einen Karton hervorzuholen, in dem die Familienfotos aufbewahrt wurden. Er lautet: Offener Erinnerungskarton. Zum ersten Mal wird intensiv und realistisch gezeigt, wie der Alltag in der ehemaligen DDR gelebt wurde.

Nun haben Sie sicherlich gemerkt, daß ich eben beim Nennen des Titels geflunkert habe. Sicherlich kann sich jeder denken, daß es nur ein englischer Titel sein kann: „Open Memory Box“ lautet er. Und weil die erste Fremdsprache in der damaligen DDR Englisch war und somit alle Bürger dort diese Sprache beherrschen, kann man davon ausgehen, daß jeder den Titel übersetzen kann.

Das sei auch geflunkert? Stimmt, denn Russisch war die erste gelernte Fremdsprache, was zur Folge hat, daß der Titel von vielen (nicht nur) dort Lebenden nicht übersetzt werden kann. Warum also muß es ein englischer Titel für eine Einrichtung sein, die uns in die Welt eines großen Teils unseres Heimatlandes führen soll, fragt sich kopfschüttelnd

Ihr

Anglizismenmuffel

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(Der Verfasser schreibt regelmäßig Glossen für die Deutsche Sprachwelt und das Zevener Sonntagsjournal, die in unregelmäßigen Abständen auch in anderen deutschen Zeitschriften und Zeitungen erscheinen.)